Die zahlreichen Vorschläge zur Modellierung der Blattstellungen lassen sich untergliedern in "Deskriptive Modelle", die eine geometrische, nach der Natur "konstruierte" Beschreibung liefern und in "Kausale Modelle", die eine morphogenetische Erklärung für die aufgefundenen Blattmuster suchen. PRUSINKIEWICZ und LINDENMAYER (1990) und VEAN (1983) geben eine Übersicht zum Stand der Literatur.
Die Position des neuen Blattes ergibt sich aus der Position des vorhergehenden nach dem dynamischen Wachstumsgesetz der Gleichung (2). Radius und Blattwinkel nehmen bei jedem Wachstumsschub in gleichen Zeitabschnitten (Plastochrone) um den gleichen Betrag zu.
Die kleinen Computer-Programme (Abb. 8 und 11) erfordern die Benutzung der Polarkoordinaten. Die Koordinaten eines Blattes in der Ebenen (Blattx,y) werden durch den Radius r und den Winkel F festgelegt, wobei der Winkel im Bogenmaß angegeben wird:
Als Erweiterung des Grundprogrammes regen wir an, die jeweiligen Ortho-, Spiro- oder Parastichen durch den Computer feststellen und in das Blattstellungsdiagramm einzeichnen zu lassen (s. Abb. 9). Dazu werden alle Blattkoordinaten und Blattwinkel auf einem dimensionierten Feld gespeichert. Um zusammengehörige Blätter zu finden, wird der jeweilige Winkel des Blattes gegenüber dem ersten Blatt als Bezugsblatt bestimmt. Blätter mit gleichem Winkel lassen sich verbinden. Da sehr unterschiedliche Winkel vorkommen, zeigt der Computer auch Spiralen, die unser Wahrnehmungsapparat nicht automatisch "registriert".
Zählt man - oder besser das Computerprogramm - die Endpunkte der links- und rechtsläufigen Spiralen, so ergeben sich wieder FIBONACCI-ZAHLEN, wie sie auf den realen Blütenböden der Körbchenblütler oder den Coniferenzapfen erscheinen (vgl. Abb. 9 und die Bilder 1, 2 und 6).
Bei einem Divergenzwinkel von 137,5 Grad kann ein neuangelegtes Blatt theoretisch niemals genau über einem bereits früher angelegten stehen. Biologisch gesehen erhält bei helicaler Blattstellung dann jedes Blatt den bestmöglichen Lichtgenuß (Bild 8). Bei anderen Blattstellungen (z. B. Bild 7) läßt sich vermuten, daß sie die Beschattung begünstigen und so evolutiv einen Selektionsvorteil darstellen.
Mit Hilfe von Simulationen an unserem Modell läßt sich die Entstehung der Fibonacci-Spiralen und des Goldenen Winkels evolutiv und morphogenetisch plausibel machen (Abb. 10).
Bei Einkeimblättrigen (Monocotyledonae), wie Gräsern, Liliengewächsen, u. a. kommt eine zweizeilige, orthodistiche Blattstellung urspünglich vor [Abb. 10 (1)]. Durch Winkelversetzungen (Schraubung) entstanden in der Phylogenese bei vielen Pflanzenarten neue Blattstellungen, bei denen sich die Blätter nicht mehr auf Geradzeilen (Orthostichen), sondern auf zwei gleichsinnig gewundenen Schaubenzeilen, sog. Spirostichen, befinden [Abb. 10 (2) und (3)].
Auch im Verlauf der Ontogenese entwickelt sich häufig durch zunehmende Schraubung ("Spirotrophie") aus der Orthodistichie die dispergierte oder wechselständige Blattanordnung (Dispersion), die als gesteigerte Spirodistichie angesehen wird und den heutigen "Grundtyp" der Phyllotaxis darstellt (Abb. 10).
Eine genauere Analyse der Blattstellungen ergibt, daß die höheren Divergenzen (2/5, 3/8, usf, s. Abb.6) offensichtlich mehr durch unserere ordnende Wahrnehmung "gesehen" oder "konstruiert" werden. Abb. 10 (4) und (6) zeigen als "Kippfiguren" zwischen Ortho- und Distichie, daß es bei bestimmten Winkelstellungen zu einem Symmetriebruch in unserer Wahrnehmung kommt. Alle höheren Divergenzen lassen sich letztlich auf den Goldenen Winkel, den Limitdivergenzwinkel von 137,5 Grad zurückführen, der nur mehr oder minder genau auftritt (vgl. Abb. 13, STRASBURGER 1983, S. 142 ff).
Wie aber läßt sich die Abweichung von der Distichie, der Übergang zur Schraubung und zum Goldenen Winkel morpho- und phylogenetisch kausal erklären?