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Tony Attwood
Das Asperger-Syndrom: Ein Ratgeber für Eltern

(Trias - Verlag / Georg Thieme, Stuttgart 2000, S. 240, 39.90 DM)

Eine Buchbesprechung aus Betroffenensicht :

Tony Attwood ist klinischer Psychologe und hat sich seit 25 Jahren auf das Asperger – Syndrom spezialisiert. Seine praktische Lebenserfahrung ist dem Buch positiv anzumerken, weil es sich mit seinen Lernspielen, Beispielgeschichten, Erklärungen und Zitaten von Menschen mit AS nicht an die Theorie wendet, sondern an das Leben.
In einem überschaubaren Einführungskapitel erklärt Tony Attwood die Einschätzungsskala der diagnostischen Kriterien, die unterschiedlichen Wege zur Diagnose, und die Entwicklungsstufen des Aspergersynsroms von der Kindheit bis hin zum Erwachsenenalter. Dabei legt er die Unterschiede zwischen Aspergersyndrom und Autismus fest, die an Hand eines Selbsttestes überprüft werden können.
Im weiteren Verlauf seines Buches geht Tony Attwood einfühlsam und ohne jede Negativwertung des Syndroms auf das Sozialverhalten, die Sprache, die Interessen und die Routinen von Menschen mit AS ein. Er bringt den Betroffenen, den Eltern, und den professionellen Helferinnen und Helfern die motorische Unbeholfenheit, die von anderen Menschen verschiedene Kognition und die sensorische Empfindlichkeit auf eine verständnisvolle und einfache Weise näher. Allen Bereichen fügt er Geschichten, Lernspiele und Selbstaussagen Andersfähiger mit AS bei, und regt immer wieder dazu an, diese gemeinsam zu spielen, zu üben, zu lesen und sich darüber zu unterhalten. Durch die Beschreibung Betroffener zu verschiedenen Lebensbereichen bietet er ebenfalls nicht nur Theorie, sondern auch Rollenvorbilder an, die den meisten Büchern über AS und Autismus als Orientierungshilfen fehlen. Auch diese Lebensmodelle laden zum gemeinsamen Lesen ein, so daß über die Darstellung von Identifikationsmöglichkeiten ein Teil der Isolation aufgehoben werden kann. Auch Menschen mit AS benötigen richtungsweisende Vorbilder, und Tony Attwood zeigt auf , daß es sie weltweit gibt. Für ihn ist AS eine gute und kreative Lebensmöglichkeit. Diese wohltuende , ethisch positive Ausrichtung des Buches unterscheidet sein Buch von den meisten anderen Autismusbüchern , die AS und Autismus fast immer nur als Defizitkatalog definieren,ohne die Kreativität wertschätzen und lieben zu können,die sehr oft auch in einem Aspergersyndrom verborgen liegt. Mit dieser bejahenden Haltung geht Tony Attwood ebenso auf Berufsmöglichkeiten für Menschen mit AS ein,und belegt,daß auch Menschen mit AS ein befriedigendes Berufs– und damit Sozialleben haben können, ,wenn ihren Eigenheiten , Spezialinteressen und ihrer Unkonventionalität Raum gegeben wird. In einem abschließenden Kapitel werden die häufigsten Fragen von Eltern und professionellen Helferinnen und Helfern geklärt. Der Anhang enthält alle wichtigen Adressen, Kliniken und Internetadressen zum Thema Autismus, eine umfassende Literaturliste, sowie eine Gefühlsgesichtertabelle ,mit der das Erkennen eigener und fremder Emotionen gemeinschaftlich geübt werden kann.
Als von AS betroffene Frau habe ich Toni Attwoods Buch mit Freude und Genuß gelesen und konnte mich in allen Kapiteln und Themenkreisen auf eine wohlverstandene und nicht entwertende Weise wiederfinden, auch wenn Schwächen oder Einschränkungen dargestellt wurden. Tony Attwoods letzter Satz lautet :
" Für mich stellen diese Menschen eine Bereicherung der Gesellschaft dar.Sie wäre äußerst öde und steril,wenn wir nicht Menschen mit diesem Syndrom hätten , und zu schätzen."
Dem schließe ich mich an,und bedanke mich bei Tony Attwood,daß es ihm gelungen ist,seinerseits bereichernd und wertschätzend und nicht öde und steril über uns zu schreiben.
Genau diese Gegenseitigkeit macht auch ein Leben mit AS würdevoll , kommunikativ, sozial und kreativ. So fad und nüchtern , wie AS oft beschrieben wird,habe ich mich selbst nie empfunden. Ich bin lebendiger , als das oft leblose Konstrukt.
Tony Attwoods Fremdbild des Syndroms und mein andersfähiges Selbstbild sind kongruent. Das Gefühl dieser Übereinstimmung hatte ich als Autistin beim Lesen von Fachbüchern über Autismus sehr , sehr selten. Deshalb halte ich sein Buch auf vielen Ebenen für sehr empfehlenswert.
Angelika Empt