„Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet“. (Jesaja 66,13)

Predigt am Sonntag Lätare (29.03.2020)

Ich habe ein neues Fernglas bekommen, ein richtig gutes mit einem phantastisch klaren Bild. Es war natürlich nicht ganz preiswert, aber die Qualität ist es wert.  Ich hatte schon eine Zeitlang damit geliebäugelt, der geplante Urlaub in Norwegen sollte damit noch schöner werden. Es gab nur ein Problem: im Mai soll ein Nachfolgemodell erscheinen, mit einem deutlich größeren Sichtfeld, natürlich auch etwas teurer. Ich musste mich entscheiden: etwas preiswerter und kleines Sichtfeld, oder  mehr Geld für mehr Sichtfeld. Ich dachte: mehr Sichtfeld, als das „alte“ Modell bietet, brauche ich nicht. Oder?

Das ist ja häufiger die Frage: Wie groß muss oder sollte mein Sichtfeld sein? Oder anders herum: Wie sinnvoll ist eine eingeengte Fokussierung? Ist der grobe Überblick besser als der begrenzte Tiefblick? Das ist bei fast jeder Predigtarbeit eine nicht unwesentliche Frage. Selten steht man vor der Aufgabe, größere Zusammenhänge wahrzunehmen, fast immer werden Ausschnitte gehört; wie heute, die Verse 10 bis 14 aus dem 66.Kapitel des Propheten Jesaja:

10 Freuet euch mit Jerusalem und seid fröhlich über die Stadt, alle, die ihr sie lieb habt! Freuet euch mit ihr, alle, die ihr über sie traurig gewesen seid. 11 Denn nun dürft ihr saugen und euch satt trinken an den Brüsten ihres Trostes; denn nun dürft ihr reichlich trinken und euch erfreuen an ihrer vollen Mutterbrust. 12 Denn so spricht der Herr: Siehe, ich breite aus bei ihr den Frieden wie einen Strom und den Reichtum der Völker wie einen überströmenden Bach. Da werdet ihr saugen, auf dem Arm wird man euch tragen und auf den Knien euch liebkosen. 13 Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet; ja, ihr sollt an Jerusalem getröstet werden. 14 Ihr werdet’s sehen und euer Herz wird sich freuen, und euer Gebein soll grünen wie Gras. Dann wird man erkennen die Hand des Herrn an seinen Knechten und den Zorn an seinen Feinden.

Etwas ungewöhnlich für die Passionszeit: Freuet Euch! Aber vielleicht ist ja gerade in unserer aktuellen Situation mit den sich überschlagenden schlechten Nachrichten eine Aufmunterung genau das Richtige: Ich will Euch trösten! Das scheint ja die zentrale Mitte zu sein; im gedruckten Text eben deshalb auch fett gedruckt. Darauf wird geradezu automatisch der Blick gelenkt und fokussiert. Mich selber spricht das ganz schnell an; Trost habe ich gern angesichts trostloser Zeiten.

Aber aus langjähriger Erfahrung weiß ich, dass dieser Fettdruck auch eine Falle sein kann. Man vergisst zu schnell den Blick auf das Ganze und für Anderes. Schon die letzten Worte des Predigttextes klingen ja nicht gerade beruhigend: man wird erkennen den Zorn Gottes an seinen Feinden! Liest man die folgenden Teile, dann geht es mit diesem Tenor weiter: Der Herr wird durchs Feuer richten und durch sein Schwert alles Fleisch. Und das Kapitel, ja der ganze Prophet Jesaja endet mit so einem Klang.  Hier ist von Trost und von Gericht die Rede, von Zuspruch und dringlicher, letzter Mahnung. Es kann ratsam sein, noch einmal von dem eingeengten Fokus ab zu sehen und mit dem großen Überblick zu beginnen.

Jesaja beginnt seine Gottesrede mit dem größten Blickwinkel schlechthin: Vom Thron Gottes aus, von Gott her, der Himmel und Erde erschaffen hat; der nicht nur einen begrenzten Ort als Wohnung auf dieser Erde hat. In seinem Blick ist sein Volk Israel mit der Gottesstadt Jerusalem; sein Volk mit den Elenden, die auf sein Wort hören; und mit denen, die es nur oberflächlich oder gar nicht wahrnehmen; mit treuen Dienern und mit gottvergessenden Feinden. Und Gott sieht die ganze Völkerwelt, sie bringen ihre Reichtümer in die Stadt Gottes und helfen ihrem Elend auf, tragen zu ihrem Frieden bei.

Und schneller als ich dachte, sehe ich mich in Frage gestellt: Wo eigentlich ist mein Platz? Bin ich selbstverständlich bei den Elenden und Gottesfürchtigen? Bin ich auf jeden Fall bei den zu Tröstenden? Bin ich der erste Adressat der freundlichen Zuwendung Gottes? Stehe ich im Mittelpunkt des Blicks Gottes auf die Welt, in diesen Zeiten? Ich werde nachdenklich und bin etwas beschämt. Noch vor wenigen Wochen ging es in den Nachrichten um sehr viele Brennpunkte auf unserer Erde. Vom Klimawandel angefangen, über die Heuschreckenplage in Ostafrika, hin zu den Bürgerkriegsopfern in Syrien und den Armutsmigranten auf dem Mittelmeer. Und dann erst mal China, Menschen als Opfer einer unkontrollierbaren Grippe und dann eines autoritär reagierenden Staates. Dann Italien, Österreich und jetzt wir. Wir, und vor allem und immer wieder: wir. Damit mich keiner falsch versteht: Ich habe begründete Ängste, um meine sehr alte Mutter mit ihren Herzrhythmusstörungen, um meine Sohn mit einem ruinierten Immunsystem, um die Mutter meiner Frau in einem Altenheim –abgeschnitten von allen direkten familiären Kontakten. Es geht nicht darum, all dies weg zu reden und zu verharmlosen. Aber es ist wohl nicht verkehrt, noch einmal den Blick zu weiten und die anderen Menschen auf unserm Globus mit den für sie  größeren Lebensbedrohungen zu sehen. Mir selber geht es eigentlich akzeptabel, auch mit eingeschränktem Bewegungsradius und ohne Urlaub in Norwegen. Ich will mich einordnen in den großen Blick Gottes, den angemessenen Platz finden für meine Ängste im Verhältnis zu dem Elend der Anderen, in meiner Nähe und weltweit.

Und dann beginne ich hin zu schauen, mit begrenztem Fokus, auf Einzelheiten, auf Mahnung und Trost.

Ich gehöre hoffentlich nicht zu den Feinden Gottes, vielleicht zu den Elenden –zumindest in manchen Situationen meines Lebens-, ganz sicher zu der Völkerwelt neben dem Volkes Gottes, auch mit Reichtum und also mit den Möglichkeiten zu handeln ausgestattet. Das erscheint mir im Augenblick eine dringliche Mahnung und Ermutigung: ich bin nicht einfach und nur ein Opfer der großen Geschicke, die über mir und andern hereinbrechen. Ich muss und brauche nicht tatenlos zuzusehen bei dem, was andere für mich und ein ganzes Land entscheiden. Ich bin vor und mit Gott ein zu eigener verantworteter Tat befähigter Mensch. Das ist die grundsätzliche Perspektive der Bibel für den Menschen, in guten und einfachen wie in schlechten und komplizierten Zeiten. Für Gesunde und Risikoarme, wie für Elende und sehr Bedrohte. – Ich erinner mich oft an einen Passus aus dem Film Invictus, an die Sätze Nelson Mandelas, die er sich –ob im Film fiktiv oder auch in der Realität- oft in seiner Gefängniszelle über Jahre hin gesagt hat: „Egal wie schmal das Tor, wie groß… Ich bin der Käptn meiner Seele.“  Ich entscheide morgen darüber, ob ich meinen Tageslauf nur und immerzu abhängig mache vom Strom der Nachrichten; oder ob ich die verordnete Situation annehme und gestalte und so meine Freiheit nicht verliere.

Ich gehöre –berufsbedingt, aber auch rein menschlich- zu denen, die andere trösten sollen. Der Trost Gottes fällt ja selten einfach vom Himmel, er gebraucht Menschen dafür, wie den Propheten Jesaja. Ich habe deshalb länger darüber nachgedacht, was denn –in der Perspektive unseres Glaubens- das eigentlich ist: Trost? Mich haben dabei hilfreich die Bilder des Textes und seines Zusammenhangs geleitet. Und ich habe meine Konkordanz genutzt, um die große Vielfalt des Redens der Bibel vom Trost wahr zu nehmen. Jesaja nutzt das Bild von der Mutter, die ihr Baby stillt. Das erinnert mich an die vielen Male, wo ich etwas hilflos vor einem unserer weinenden Säuglinge stand; seine Schmerzen waren für mich wahrnehmbar, meine tröstlich gemeinten Worte hörte er, aber sie erreichten ihr Ziel nicht. Das Stillen an der Mutterbrust veränderte immer wieder die Situation, fast schlagartig. Noch einige Seufzer zwischen den einzelnen Schlückchen, dann das Verstummen der Klage und schließlich ein friedlicher Schlaf. Jesaja hatte selber Kinder, war Vater; er wusste, wovon er redet, wenn er diese Situation schildert. Das Kind bekommt im Schmerz einen süßen Schluck des Lebens und für das Leben, verbunden mit von vielen Sinnen wahrgenommener Nähe. Vermutlich sind die Schmerzen nicht weg, aber sie sind eingehüllt in den (Vor-)Geschmack des Lebens und verlieren ihre letzte Intensität, ihre Ausschließlichkeit. Ähnlich handeln wir bei Kindern und auch bei Erwachsenen: den vom Schmerz geplagten Menschen nehmen wir in den Arm, streicheln ihn etwas, murmeln womöglich Sätze wie: Alles wird gut. Und der Schmerz ist ganz sicher nicht weggeblasen, aber er wird erträglich. In den Sätzen vor unserm Text wird das von Israel erfahrene Elend mit den Wehen einer Gebärenden verglichen und so anders gewichtet: den Wehen folgt die Freude über die Geburt des Kindes. Aus vielen Erlebnissen hat sich diese Erfahrung gebildet: Es gibt Schmerzen, die am Ende in das Leben münden. In all diesen Bildern wird das gegenwärtige Elend nicht verharmlost oder gar einfach weggeredet; es wird auch nicht vertröstend in irgendeine Zukunft bei Gott weggeschoben. Das Elend kann wirklich wahrgenommen werden, weil es in die Gewissheit und schon jetzt erfahrbaren Wirklichkeit der lebensschaffenden Gegenwart Gottes eingebunden ist.  – Und meine Aufgabe als Pastor, der ja nun hinreichend Zeit hat, da seine Gemeinde sich nicht versammeln kann, ist es, die so merkwürdig geschenkte freie Zeit für diese Aufgabe zu nutzen: Trost ohne Vertröstung.

Ich gehöre schließlich, und dass muss ich mir immer wieder eingestehen, auch zu denen, die Trost brauchen. Ich kann mich auch als den Hilfsbedürftigen sehen, als den, der so wichtig ist, dass der Blick Gottes auf ihn fällt, mit und neben all den andern. Und ich öffne meine Augen und Ohren, und suche die Erfahrungen der Gegenwart Gottes, die lebenserhaltende und lebensschaffende Nähe.

Ich erinnere mich gut an die erste Botschaft, die in unserer Wohnanlage mit 18 Wohnungen von drei jungen Leuten an die Ausgangstür geheftet wurde. Dankenswerterweise nicht: Haltet Eure Hände sauber, bewahrt die nötige Distanz, hortet kein Toilettenpapier (so sinnvoll und richtig das alles ja ist)! Sondern: Wir kaufen für Euch ein, wenn Ihr es braucht; eure Gesundheit ist uns wichtig.  – Ich denke an die Sätze meiner Mutter: Bleibt ruhig bei Euch zuhause; mir reicht es, wenn ihr anruft und mir ab und zu ein Bild schickt, wenn ihr draußen schöne Blumen seht. Sie begnügt sich mit digitaler Nähe und verzichtet von sich aus auf wirkliche Nähe, um des Lebens derer willen, mit denen sie in einer seniorengerechten Einrichtung lebt, für die sie auf keinen Fall die Überträgerin des Virus sein will. Und ich brauche kein schlechtes Gewissen zu haben, wenn ich sie nicht besuche. – Ich denke an Freunde, die mich in den Arm genommen haben; vielleicht töricht, aber in dem Augenblick für mich wohltuend. Es waren junge Leute, die selber kaum gefährdet sind; und –so wie ich sie kennengelernt habe- sich ihrer Verantwortung gegenüber den Gefährdeten wohl bewusst sind (sie verzichteten dafür auf wichtige Einkünfte ihres Unternehmens noch bevor sie per Verordnung dazu gezwungen waren).

Und ich muss mich erinnern lassen an den Beginn unseres Glaubensbekenntnisses: Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erde. Oft konnte ich es glaubend aus vollem Herzen mitsprechen, manches Mal versagte meine Stimme, weil ich es nicht glauben konnte. Und immer war eine Gemeinde da, die es trotzdem aussprach. Damit beginnt für den tröstenden Jesaja eigentlich alles, was er zu sagen hat: Er ist gewiss, dass nicht der Tod und seine Gehhilfen die Geschicke der Welt in den Händen hält. Sondern der Gott Israels, der ohne seine Menschen nicht sein kann und wird. Amen