„Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.“ (Hebräer 13,14)

Predigt am Sonntag Judika (05.04.2020)

Meine Großmutter (mütterlicherseits) konnte manchmal merkwürdige Gebete sprechen. Ihre Frömmigkeit war (vermutlich) durch den Siegerländer Pietismus geprägt. Seit einigen Jahren war ihr Mann schon tot, sie lebte allein mit ihrem seit seiner Jugend kränkelnden und nun immer kränker werdenden Sohn zusammen. Im Haus der Oma wurde natürlich gebetet, nicht nur vor dem Essen, aber da auch, in freien Worten (nicht so gereimt, wie das viele kennen) und mit vielfältigen Inhalten. Es konnte durchaus etwas länger werden (ich erinnere mich, dass meine Mutter schon mal vorsichtig intervenierte, die Oma möge zum Schluss kommen, das Essen würde sonst kalt). In solchen Gebeten kam es vor, dass sie Gott darum bat, er möge sie doch bald zu sich nehmen, dann würde sie ja ihren geliebten Ehemann wiedersehen; das Leben hier in der Welt würde ihr zunehmend unattraktiver (mein Wort). Sie hatte, eigentlich ganz an biblischen Texten orientiert, eine geprägte Jenseitshoffnung: nach dem Tod werde ich im Himmel bei Gott sein und da ist alles gut. Das Leben im Diesseits ist nicht alles und deshalb kann man es auch durchaus loslassen.

In meinem späteren Pfarramtsalltag ist diese Form des Gebets samt seinen Inhalten eher in den Hintergrund getreten. Als Pfarrer ist man der Vorbeter, Konfirmanden tun sich leichter mit gereimten Gebeten (sie verraten ja nichts über die eigene Frömmigkeit); und die Inhalte orientierten sich eher an tagespolitischen Ereignissen. Auch das lässt sich gut mit biblischen  Traditionen belegen. In den Vordergrund trat im Raum der Kirche immer stärker die eigene zu verantwortende Tat. Das Motto lautete: Gott selber hat keine Hände, er hat nur unsere. Predigten endeten fast unweigerlich in Aufforderungen zum Handeln (natürlich nicht allzu konkret, oft im Wünschemodus, und ganz oft adressiert an Leute, die gar nicht im Gottesdienst saßen). Die Hoffnung auf ein gutes Leben im Jenseits bei Gott verschwand zu Gunsten eines zu erkämpfenden relativ guten Lebens hier und jetzt. Unsere Städte hier in der Welt, die Länder, alle Kontinente, sie wurden immer mehr unsere bleibende Stadt. Zukünftig: das ist vor allem das, was wir draus machen.

Wer mich kennt, weiss, dass ich für weltflüchtige Jenseitsfrömmigkeit nicht viel übrig habe. Ich bin ein Freund des Lebens in dieser Welt. Das habe ich vielleicht schon anfänglich von meinem Onkel gelernt. Der wurde in den Gebeten meiner Oma natürlich auch bedacht. Und als sein Kranksein immer schwerer und leidvoller wurde, konnte die Oma schon mal beten, dass Gott der Herr ihn doch zu sich rufen und erlösen möge. Da konnte der Onkel ungemütlich werden: Sei still Mutter, rede nicht so. Ich will noch leben! – So forderte der Onkel sein Lebensrecht hier im Diesseits ein; das Zukünftige sollte noch warten. Später hat mich die Theologie Dietrich Bonhoeffers in diese Richtung weiter geprägt. Er konnte sehr pointiert sagen: Nur der, für den mit dem Verlust des Lebens hier alles verloren erscheint (weil das Leben hier ja ein großes Geschenk Gottes ist), nur der darf auch von Auferweckung reden. Mit den Worten des Predigttextes gesagt: Nur der, dem die Stadt hier alles bedeutet, nur der darf sich auf die Suche nach der zukünftigen machen. Nein, Weltflucht in ein besseres Jenseits kann nicht die Aufgabe von Christen sein.

Aber nimmt man sich diese Diesseitigkeit wirklich zu Herzen, nimmt man das Schicksal der Stadt im Hier und Jetzt ganz auf seine Verantwortung, dann kann man unter der sich daraus ergebenden Last auch schon mal in die Knie gehen oder gar zusammenbrechen. Oder man fängt an, sich –ahnend, dass es so enden könne- zu arrangieren, nicht völlig, nicht widerstandlos, aber doch mit immer mehr kleinen Kompromissen. Erst recht, wenn man eigentlich auf der Sonnenseite des Lebens geboren ist. Die Suche nach der zukünftigen Stadt Gottes, die sehnende Hoffnung auf seine neue Welt kann sich verwandeln in das Gefühl, dass Gott ja auch schon in unseren Städten ganz gut vorangekommen ist.

Nimmt man biblische Traditionen ernst, dann merkt man,  dass man beides braucht: Die Liebe zum Diesseits, hier und jetzt; verbunden mit der Verantwortung für das, was noch nicht der Liebe Gottes entspricht und Veränderung bedarf, heute. Und die gewisse Hoffnung und auch schon mal Sehnsucht, doch einfach bei Gott dem Herrn zu sein, jenseits allen Leidens. Das zu glauben in einer Gegenwart, die geprägt ist von Skepsis gegenüber allem Jenseitsgerede und überzeugt ist von der alles klärenden naturwissenschaftlichen Weltsicht, ist gewiss nicht einfach. Aber mir erscheint die vermutlich nicht von der Aufklärung geprägte kindliche Frömmigkeit meiner Oma nicht ganz unattraktiv. Sie starb am Ende doch sehr gelassen.  Und Bonhoeffer, der so viel gelegen war am Schicksal der Stadt im hier und jetzt, ging auf seinen Tod zu mit den Worten: „Das ist das Ende, für mich der Beginn des Lebens“. Das Leben im Diesseits ist nicht alles; das Herz braucht die Gewissheit, dass Gott größer ist als die Stadt in der Welt; dass er eine Zukunft bei sich für uns hat, die er schafft, auch ohne unser Zutun. Amen

Nachbemerkungen: Was man sonntags im Gottesdienst im Prinzip nicht machen kann, ist bei einer gedruckten Predigt möglich, ich meine, auch sinnvoll. Einige wenige exegetische Wahrnehmungen für den/die interessierte/n Leser/in:

Bis vor zwei Jahren war der (in der evangelischen Kirche im Rheinland vorgeschlagene, in einer lutherischen Landeskirche vorgegebene) Predigttext Heb.13,12-14. Entsprechend findet man im Internet zu dem Textzuschnitt Predigten. In der auslegenden Literatur wurde immer wieder gefragt, warum nicht mindestens auch der V 11 dazu genommen wird; denn er stellt für die Bildwelt des V 12 die zum Verständnis wichtige Grundlage dar. Nimmt man den V 11 hinzu, dann hängt der auch in der Luft, weil er ja eine Begründung liefert für die Aussage in V10. Vermutlich ist so der neue Zuschnitt (V10-14) entstanden. Sieht man dann noch mal auf den Text, kommt man doch eher zu einer Begrenzung von V9 (verbunden mit dem V10 durch die Verbindung „Speisegebote“ – „essen“) bis V16 (das Stichwort Opfer aus V11 wird in V 15 und 16 aufgegriffen). Auffällig ist dann noch, dass vor (V7+9) und nach diesem Text (V17) Aussagen zu den Lehrern bzw deren Lehre gemacht werden. Die Teile davor und danach sind dagegen deutlich inhaltlich abgesetzt.

Dieser ganze Passus reiht sich in den Zusammenhang des Kapitels 13 ein: es geht um diverse Mahnungen (ca 7-9). Insofern legt sich nahe, als Aussagezentrum des Predigtabschnittes den V 13 zu nehmen: Laßt uns hinausgehen… (ein Imperativ in der 3.Pers.Pl.; alle anderen Aufforderungen des Kapitels sind in der 2.Pers.Pl: auch das ist nachdenkenswert). Draußen vor dem Lager (das Wort erinnert an das Lager des Volkes Israel bei der Wanderung in der Wüste), da ist man in einer ungeschützten Umgebung. Dort vor den Toren Jerusalems wurde Jesus gekreuzigt und mit Schmähungen (Spott) überzogen. Mit diesem Stichwort ist der Kontext bzw die Situation des ganzen Briefes angesprochen. Die Adressaten leben in einer Umwelt, die ihnen das Leben schwermacht. – Ich habe mich dann aber anders entschieden. Nicht etwa, weil der Gedanke „Geht raus“ gerade jetzt etwas merkwürdig wäre und wohl zu diversen notwendigen Abgrenzungen führen müßte. Ich wurde meiner Frau dahin geleitet; sie war mehr angesprochen vom V 14 (war mal Jahreslosung, 2013). Sachlich ist das auch sinnvoll, denn V 14 begründet den V13, obwohl man denken könnte, dass es schon genügend Begründung vorher gegeben hat. Da wird ja eine Gedankenreihe skizziert: In der Wüste wurden die Tierleiber der Sündopfer aus dem Lager raus gebracht; so hat auch Jesus (an seinem Leib) gelitten draußen vor dem Lager; so –also in schlichter Nachfolge- geht auch ihr raus. Offenbar meint der Schreiber des Hebräerbriefes, dass es einer weiteren Motivation für diesen Schritt bedarf. Und also liefert er eine eher fundamentale Glaubensaussage; die läßt sich im konkreten Kontext dazu benutzen, das Hinausgehen und Schmachtragen zu begründen. Aber sie ist auch in anderen Kontexten zu vergegenwärtigen, hat also einen größeren Radius.

Der Kontext des Predigttextes (im Fettdruck der Predigttext) aus Kap 13 Hebräerbrief:

7 Gedenkt eurer Lehrer, die euch das Wort Gottes gesagt haben; ihr Ende schaut an und folgt dem Beispiel ihres Glaubens…..9 Lasst euch nicht durch mancherlei und fremde Lehren umtreiben, denn es ist ein köstlich Ding, dass das Herz fest werde, welches geschieht durch Gnade, nicht durch Speisegebote, von denen keinen Nutzen haben, die danach leben. 10 Wir haben einen Altar, von dem zu essen denen nicht erlaubt ist, die am Zelt dienen. 11 Denn die Leiber der Tiere, deren Blut durch den Hohenpriester als Sündopfer in das Heilige getragen wird, werden außerhalb des Lagers verbrannt. 12 Darum hat auch Jesus, damit er das Volk heilige durch sein eigenes Blut, gelitten draußen vor dem Tor. 13 So lasst uns nun zu ihm hinausgehen vor das Lager und seine Schmach tragen. 14 Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir. 15 So lasst uns nun durch ihn Gott allezeit das Lobopfer darbringen, das ist die Frucht der Lippen, die seinen Namen bekennen. 16 Gutes zu tun und mit andern zu teilen vergesst nicht; denn solche Opfer gefallen Gott.