Ausland

August 2010 bis Dezember 2010

1. Einleitung

Ich habe mein Auslandssemester in meinem dritten Fachsemester im Masterprogramm Informationsmanagement absolviert. Hierzu habe ich mich für die Turku School of Economics (TSE) in Finnland entschieden. Die TSE war bis 2009 eine eigenständige Einrichtung und wurde 2010 mit der University of Turku zusammengelegt. Da ich von August bis Dezember 2010 in Turku war, habe ich die Verschmelzung der beiden Universitäten quasi live miterlebt. Leider auch mit allen Vor-­‐ und Nachteilen. Auf Details werde ich weiter unten im Text genauer eingehen. Jedoch sei schon an dieser Stelle vorweggenommen, dass ich mich jeder Zeit wieder für ein Auslandssemester in Finnland und speziell an der TSE entscheiden würde.

2. Vorbereitung

Im Masterprogramm Informationsmanagement der Universität Koblenz ist ein Semester an einer ausländischen Universität Teil des Studiums. Somit war mir bereits vor Antritt des Masterprogramms klar, dass ich ein Auslandssemester machen werde. Da ich jedoch von einer anderen Universität nach Koblenz kam, hatte ich mich erst gegen Ende des ersten Semesters mit dem Auslandssemester befasst, was eigentlich schon zu spät war. Der normale Vorbereitungsablauf beginnt mit einer Informationsveranstaltung in der alle Bewerbungsschritte und einzuhaltenden Fristen erläutert werden. Da es gerade für begehrte Partneruniversitäten mehr Interessenten als freie Plätze gibt findet zuerst eine uniinterne Bewerbung statt. Ich habe mich erst danach um mein Auslandssemester gekümmert und somit eine Liste der noch freien Partneruniversitäten bekommen. Da sich meine Ansprüche an ein Gastland auf ein ordentliches Maß an Gastfreundlichkeit und die an eine Universität auf ein sauberes Englisch beschränken, war es dennoch möglich eine für mich passende Universität zu finden. Die Finnen sind im Allgemeinen sehr Weltoffen und sprechen ein sehr gut verständliches Englisch. Die Nominierungen werden von den jeweiligen Betreuern der Universität Koblenz, in meinem Fall Frau Gretel Wusterhaus, an die Partnerhochschulen sowie an das Akademische Auslandsamt geschickt. Die Turku School of Economics hat mich kurz danach per E-­‐Mail kontaktiert. In dieser Mail sind alle weiteren Schritte aufgezeigt. Die offizielle Bewerbung an der TSE erfolgt per Onlineformular, wo es zu Beginn einige Probleme gab. Grund hierfür war die Zusammenlegung der beiden Universitäten. In einer Liste wurde noch von der TSE als eigenständige Einrichtung gesprochen, in einer anderen war sie nicht mehr zu finden. Zwei kurze Mails nach Turku haben aber alle Probleme beseitigt und die weitere Anmeldung verlief problemlos. Ein hausgemachtes Problem bei fast allen Bewerbungen an Partnerhochschulen ist das ECTS Learning Agreement welches bereits bei der Bewerbung vorliegen muss. Zu diesem Zeitpunkt ist es jedoch unmöglich festzulegen, welche Kurse im Ausland besucht werden, da die Kurslisten noch nicht zur Verfügung stehen. Ein spezielles Problem tritt hierbei in Finnland auf, da ein Semester in zwei Terms unterteilt ist. Die Kurse des zweiten Terms werden aber erst gegen Mitte des ersten Terms gewählt. Letztlich habe ich mich an den Programmen der vergangenen Jahre orientiert, eine Auswahl getroffen und diese mehrmals geändert. Nach erfolgreicher Anmeldung an der TSE kann der Endspurt der beginnen. Die notwendigen Unterlagen und Informationen über Land, Leute, Studium, Anreise und Unterkunft werden von der TSE zugeschickt. Die Bewerbung für ein Appartement in Turku erfolgt über TYS (Hausing Office) eine Einrichtung ähnlich wie das Studierendenwerk Koblenz. Sehr zu loben ist das Tutoren-­‐System der TSE. Automatisch wird jedem Exchange-­‐Studenten ein Tutor zugewiesen, der sich bestens um eine kümmert.

3. Anreise / Unterbringung / erste Schritte

Ich habe mich für die Anreise mit airBaltic von Frankfurt über Riga direkt nach Turku entschieden. Eine mögliche Alternative wäre die Verbindung von Frankfurt-­‐Hahn nach Tampere (etwa 160 km von Turku) und von dort mit dem Zug nach Turku. Zu beachten ist dabei, dass der sehr attraktive Studentenrabatt (50%) der finnischen Verkehrsbetriebe nur mit einem finnischen Studentenausweis erhältlich ist. Diesen wird von der TSE jedoch erst in Turku ausgestellt. Zeitlich empfiehlt die TSE die Orientation-­‐Week zur Anreise. In dieser Zeit werden zahlreiche Aktionen sowohl von der TSE als auch von den heimischen Studenten angeboten um Finnland, die Uni, das finnische Studentenleben und andere Austauschstudenten kennenzulernen. Mein Tutor hatte vor meiner Ankunft bereits alle wichtigen ersten Schritte erledigt. So hat er den Schlüssel meines Appartements, ein Startingpackage, eine Handykarte und den Transport vom Flughafen zu meinem Appartement organisiert. Das TYS (Hausing Office) verfügt über zahlreiche Wohnanlagen verteilt über ganz Turku. Ein besonderes Angebot ist das Student-­‐Village mit über 3500 Wohnplätzen, aufgebaut wie ein kleines Dorf. Es liegt ein paar Gehminuten von der TSE entfernt und kann als Zentrum des studentischen Lebens bezeichnet werden. Leider sind die Plätze hier sehr schwer zu bekommen, da die Nachfrage recht hoch ist. Exchange Studenten leben hier in einem Zimmer mit eigenem Bad und einer Gemeinschaftsküche für ca. 12 Personen. Die mit Abstand besten Partys finden in diesen Küchen statt. Ich habe mich für die Unterbringung in einem shared flat entschieden mit einem Mitbewohner. Dabei hat jeder Bewohner sein eigenes Zimmer, eingerichtet mit einem Schrank, einem Bett, einem Regal, einem Schreibtisch und einer Lampe. Weiter hat jede Wohnung ein Bad und eine Küche. Die Küche ist Möbliert jedoch ohne Geschirr. Abhilfe schafft gerade zu Beginn das Startingpackage. Es enthält die wichtigsten Küchenutensilien wie Teller, Tasse usw. aber auch Plümmo, Kopfkissen, und Vorhänge. Am ersten Tag nach meiner Ankunft hat mir mein Tutor zusammen mit seinen anderen Exchange Studenten alle wichtigen Einrichtungen in Turku gezeigt. Gemeinsam haben wir uns bei der TSE angemeldet, einen Studierendenausweis beantragt, eine Busfahrkarte gekauft, ein Konto eröffnet und uns bei der Post registriert. Der finnische Studierendenausweis ist sehr wichtig, da es mit ihm nahezu überall Ermäßigungen gibt. Internationale Studierendenausweise werden meist nicht anerkannt.

4. Land / Leute / Ausflüge

Das Leben in Finnland kann sehr von der Tageszeit abhängen. Mir persönlich ist es so vorgekommen, dass die Finnen im Allgemeinen bei Dunkelheit gesprächiger sind als bei Tage. Sollte meine These stimmen, so ist dies gerade in den Wintermonaten nicht weiter tragisch, da die Dunkelheit den Tag dominiert. Sicher ist aber, dass die meisten Finnen ein sehr gutes Englisch sprechen und die Ordnung lieben. So wird zum Beispiel nahezu überall eine Wartenummer verlangt und das typisch deutsche Drängeln verachtet. Selbst an der Bar werden die Bestellungen konsequent reihum entgegengenommen. Dass es auch anders geht, musste ich mit meinem ersten finnischen Mitbewohner erfahren. Er war leider alles andere als ordnungsliebend und eher wortkarg. Wenn er nachhause kam verschwand er schnell hinter seiner Zimmertür und ließ nichts von sich hören. Da er die WG aber nach kurzer Zeit verließ, durfte ich auch das absolute Gegenteil kennenlernen. Mein zweiter finnischer Mitbewohner war sehr kommunikativ und für jeden Spaß zu haben. Wo es in Finnland egal zu welcher Uhrzeit immer kommunikativ zugeht ist in einer der zahlreichen Saunen. Hier wird gerne lautstark diskutiert und jeder ist herzlich eingeladen mitzumachen. Etwas ungewöhnlich ist hingegen die Geschlechtertrennung in öffentlichen Saunen. An der TSE gibt es sogar ein Schwimmbad mit Frauen-­‐ bzw. Männertagen. Da es aber in Turku in jedem Wohnheim und auch sonst überall möglich ist, privat eine Sauna zu mieten kann jeder so saunieren wie es ihm beliebt. Beim Alkohol Konsum sieht es da schon etwas anders aus. Finnland hat zum einen sehr hohe Steuern auf Alkohol und zudem sehr strenge Verkaufsregeln. So ist es nach 21:00 Uhr nur noch Discotheken und Bars gestattet Alkohol zu verkaufen. Aber auch hier endet jeder Abend spätestens um 2:30 Uhr. Wer also eine längere Partynacht plant sollte gut vorsorgen. Trotzdem ist Turku eine der besten finnischen Orte um ausgelassen feiern zu gehen. Dies liegt nicht zuletzt an dem hohen Studentenanteil von ca. 20000 Studenten. Daher gibt es auch zahlreiche Angebote von Studenten für Studenten (Student Union). Angefangen von wöchentliche Motopartys über Wochenendaktionen bis hin zu fantastischen Ausflügen. Hier ist wirklich für jeden etwas dabei. Empfehlen kann ich die Angebote nach St. Petersburg und nach Lappland. Die hier erlebten Eindrücke werdet ihr so schnell nicht vergessen.

5. Universität

Wie schon zu Anfang erwähnt ist die TSE mittleiweile ein Teil der University of Turku. Neben ihr gibt es noch die Åbo Akadami (eine schwedische Universität) und eine Fachhochschule. Die TSE gehört seit Anfang 2010 zwar zur University of Turku hat aber angefangen von einem eigenen Gebäude über eine eigene Bibliothek bis hin zu einer eigenen IT-­‐Infrastruktur nicht viel mit ihr gemeinsam. Daraus ergaben sich zahlreiche kleinere und größere Problem. Zum Beispiel wurden Veranstaltungen in Gebäuden der University angeboten, die jedoch kein Mitarbeiter oder Student der TSE kannte. Der Zugang zum uniweiten Funknetz erwies sich anfangs selbst für die IT-­‐Abteilung der TSE als eher schwierig. Nach und nach wurden aber fast alle Hürden abgebaut. Die angepriesene Kurswahl aus dem Angebot der University of Turku erwies sich hingegen bis zuletzt als äußerst kompliziert. Letztlich gehört die TSE jetzt irgendwie zur University of Turku trotzdem bleibt es die ‚alte’ TSE mit all ihren Besonderheiten. Die Semester in Finnland sind in zwei Terms unterteilt. Es gibt Kurse die über beide Terms gehen, dies ist aber eher die Ausnahme. Im Regelfall endet ein Kurs nach einem Term mit einer abschließenden Klausur. Die Klausuren können wie in Deutschland aus Multiple-­‐Choice-­‐Fragen, kurzen Statements oder offenen Fragen bestehen. Zeitlich wird kein künstlicher Druck erzeugt. Für jede Klausur sind vier Zeitstunden eingeplant wobei nur maximal zwei benötigt werden. Auch werden die Klausuren sehr oft (mindestens nach jedem Term) angeboten sodass ein Wiederholen oder Verschieben durchaus möglich ist. Auch die Vorlesungsatmosphäre ist sehr angenehm. Die Dozenten stehen in einem ständigen Dialog mit den Studenten und bieten in den meisten Fällen sogar das „Du“ an. Dennoch ist ein sehr hohes Maß an Respekt auf beiden Seiten zu spüren. So wird zum Beispiel einfaches zu spät kommen als sehr unhöflich empfunden. Dies gilt natürlich auf beiden Seiten. Im Allgemeinen ist die finnische Lernkultur mit der in Deutschland nicht zu vergleichen. Der Arbeitsaufwand für einen Kurs spiegelt sich wie in Koblenz nicht immer in den zu erreichenden ECTS Punkten wieder. So gab es durchaus Kurse, die zwar weniger Punkte gebracht haben aber vom Arbeitsaufwand höher waren. Über einzelne Kurse möchte ich weiter nichts sagen, da mich diese Erfahrungsberichte eher falsch gelenkt haben. In Finnland wechselt der Dozent und somit der Inhalt einer Vorlesung sehr häufig. Ich habe nichts von dem was ich vorher gelesen habe in meinen Kursen wiedergefunden. Wir haben uns in der ersten Woche möglichst viele Kurse angehört und dann entschieden.

6. Fazit

Mein Fazit ist klar. Ich bin mit sehr geringen Erwartungen in mein Auslandssemester gegangen und wurde in allen Bereichen mehr als überwältigt. Jederzeit würde ich wieder nach Turku gehen. Die Bereitschaft zu Lernen ist genau wie die Stimmung zu Feiern einzigartig. Es wird ein Spagat zwischen Lernen auf der einen Seite und ausgelassenem Feiern auf der anderen Seite geschaffen, welches ich so noch nicht erlebt habe. Ich wünsche jedem einmal die Gelegenheit zu bekommen die finnische Kultur derart kennenzulernen.