3. Phänomenologie der Blattstellung (Phyllotaxis)

Von GOETHE stammt die klassische Interpretation der Pflanze als "Blattwesen". Die grünen Laubblätter stehen primär im Dienst der Photosynthese, bekamen im Verlauf der Evolution, der "Metamorphose der Pflanze", neue Aufgaben und erfuhren dabei vielfältige Umgestaltungen. Keimblätter dienen als Speicherorgane, Kelchblätter als Schutz der Blüte, die ihrerseits mit Blüten- oder Kronblättern, Staub- und Fruchtblättern in der Funktion der Fortpflanzung steht. Die Abwandlung eine Grundtypes, der "Urpflanze" von GOETHE, läßt eine gemeinsame Ordnung in den unterschiedlichen Blattgestalten erwarten.


3.1 Methodische Hinweise


Es hat sich bewährt, daß die Schüler verschiedene Blattstellungen durch forschende Beobachtung selbst entdecken. Will man ohne Vorgaben arbeiten, so läßt man die Schüler die Blattanordnungen einfach zeichnen (Abb. 2).

Abb. 2 Seiten- und Aufsicht einer Sproßpflanze und Darstellung in einem Blattdiagramm.

Die Blätter lassen sich durch eine genetische Spirale verbinden. Der Divergenzwinkel beträgt 135 Grad = 3/8 Divergenz (verändert und ergänzt n. VEAN 1983).


Gesetzmäßigkeiten treten klarer hervor, wenn helicale oder discoidale Anordnungen von Blättern, Blüten oder Samen in einen Grundriß oder ein Diagramm eingetragen werden (Abb. 2 und 3). Beim Diagramm werden die aufeinanderfolgenden Knoten an der Achse in eine Ebene projeziert. Die äußeren konzentrischen Kreise entsprechen den älteren, der kleinste innere Kreis dem jüngsten Knoten. Durch Einzeichnen symbolisierter Blätter entstehen Blattstellungsdiagramme (Abb. 3).
Als Hilfe zur Benennung vorkommender Blattstellungen dient ein kleiner Bestimmungsschlüssel (Abb. 3).

Abb. 3 Bestimmungsschlüsel zur Blattstellung Blattstellung (Phyllotaxis)


Als Material eignen sich auch Knospenquerschnitte, da hier die Lage der Blätter der ursprünglichen Anlage am Vegetationskegel am besten entspricht. Günstig sind Photos oder Projektionen von Dias, die genauer ausgewertet werden können (z. B. Bild 4 und 8).
Beim Eintragen der Blätter lassen sich von der Sproßachse ausgehend bei der decussierten und distischen Blattstellung radiale Geradzeilen (Orthostichen) erkennen, auf denen die Blätter liegen (Abb. 3, 10 und 13). Verbindet man bei zerstreuter Blattstellung, die Blätter in der Reihenfolge ihrer Entstehung durch eine Schraubenlinie, so entsteht eine genetische Spirale (Abb. 2). Zur Veranschaulichung empfiehlt es sich, bei einer geeigneten Pflanze aufeinanderfolgende Blätter durch einen Faden zu verbinden. Dabei läßt sich gleichzeitig ermitteln, wieviel Schaubenwindungen nötig sind, um auf ein Blatt zu stoßen, das genau über dem Anfangsblatt steht.
Wichtig zur Analyse und Modellierung sind die Abstände bzw. Winkel zwischen aufeinanderfolgenden Blätter, die als Divergenz bzw. Divergenzwinkel F bezeichnet werden. In der Blattstellungslehre ist es üblich, die Divergenz nicht als Winkel sondern als Bruchteil des Stengelumfanges anzugeben. Der Zähler des Divergenzbruches wird aus der Anzahl der Umläufe gebildet, die erforderlich sind, um auf das nächste Blatt der Geradzeile zu stoßen. Der Nenner gibt die Zahl der dazwischenliegenden Blätter an. Beim Kirschzweig finden sich z. B. auf zwei Umgängen fünf Blätter, was man als 2/5 Divergenz bezeichnet mit einem Divergenzwinkel F = 144 Grad nach

F = 2/5 * 360 Grad (1).