Ist Dadaismus nur „höherer Unsinn“? Wenn man im Jahr des Dadaismus die Berichte in verschiedenen Medien liest, dann wird die Geschichte des Dadaismus meist so erzählt, als sei Dada eine Künstlerbewegung, die mit Blödsinn gegen den Krieg protestierte und mit Trios „Da, da, da“ den Höhepunkt erlebte.

In meinem Artikel Flüchtige Autonomien. Selbstermächtigung in postmodernen Performances erzähle ich eine andere Geschichte: Anhand der Schriften Raoul Hausmanns und der Aktionen Johannes Baaders („Oberdada“) kann der Dadaismus nicht nur als die Basis von Fluxus, sondern vor allem der zeitgenössischen Performancekunst ausgemacht werden:

Dieser Geist war weder existentialistisch, noch pragmatisch, noch individual-anarchistisch – er war einfach die bitterböse Erkenntnis, dass alle Ideale, seien sie auch noch so ‚materialistisch‘ vermörtelt, ebenso wenig wert sind, wie der ‚reine Geist‘, den die Expressionisten damals zur Schau trugen. Vielleicht war dieser harte Geist stets nur verwirklichbar für zwei, drei Augenblicke durch tief vom lebendigen Unflat aufrecht zu halten hatten. Der innerliche Umbruch, der sich in allen Ländern Europas bei den Künstlern seit etwa 1909 vorbereitete, hatte eine Protesteinstellung gegenüber allen ästhetischen Tabus zum Ausbruch gebracht – der Geist Dada lebte von selbst in uns Allen. (Raoul Hausmann, Aussichten oder Ende des Neo-Dadaismus, 1963: 231)

Es geht also nicht einfach um „Nonsens“, sondern um eine anti-idealistische Kritik im Sinne Max Stirners, die mit künstlerischen Mitteln eine temporäre, eigenständige Wirklichkeit errichtet, einer Autonomie, auch wenn diese immer nur flüchtig sein kann. In der Schaffung dieser kurzzeitigen (Anti-)Wirklichkeitsblasen lag und liegt auch das große Provokationspotenzial, wie es etwa bei den Performances von Christoph Schlingensief, Pussy Riot, Jonathan Meese oder Ligna zum Ausdruck kommt. Hier zeigt sich eine emanzipative Selbstermächtigung, die diese Autonomien in bestehende Realitäten einschreibt. Dies wird an Lignas Oedipus, der Tyrann. Eine Befreiungsphantasie und Christoph Schlingensiefs performativer Installation „Ausländer raus!“ gezeigt: Christoph Schlingensief baute während der Wiener Festwochen vor der Staatsoper im Zeitraum vom 11.–17. Juni 2000 vor der Wiener Oper im Rahmen der damaligen Festspielwochen einen Containerkomplex auf, in den tatsächliche Asylbewerber gebracht wurden, die dann per Publikumsentscheid nach und nach den Container verlassen mussten und – fiktiv, aber wirkungsvoll inszeniert – abgeschoben wurden, bis schließlich noch einer verblieb, der einen Preis erhielt. Diese Installation stieß die meisten Menschen in eine Zone der Unsicherheit und Mehrdeutigkeit, da Schlingensief bekannte Wirklichkeitsfragmente wie Big Brother und die Abschiebepraxis gegenüber Asylbewerbern je für sich realistisch inszenierte, diese in ihrer Überblendung aber eine absurde Grausamkeit präsent machten.

Dada als protestierenden Unsinn oder Blödelei zu betrachten, ist also eine verkürzte Sichtweise, die die sich bis in die Gegenwart zeigende, sich ausbreitende Selbstermächtigung ignoriert. Daher sind die Aussagen Dada lebt. oder Dada ist tot. auch gleich gültig.

Der Text ist im Band Performances der Selbstermächtigung im Athena-Verlag erschienen. Performances der Selbstermächtigung