Ist Donald Trump der wiedergeborene Max Stirner?

Donald Trump feiert seinen 70. Geburtstag und prompt ist eine Biografie erschienen, die in der WELT besprochen wird.

Darin wird Trump mit Max Stirner verglichen:

Der Denker, der zuletzt die Setzungen der Subjektivität so militant ausgelegt hat, war Max Stirner in „Der Einzige und sein Eigentum“.1

Was wollte Max Stirner?

Max Stirner war kein Verfechter eines naiven Egoismus, sondern schlug einen Prozess zur Befreiung von jeglichen Ideen vor, so dass die Existenz hinter dem Wust von Ideologien und Konzepten überhaupt erst spürbar werde. Donald Trump will jedoch nur die Abschaffung bestimmter Ideen und Werte, andere, insbesondere nationale Ideen will er ja gerade durchsetzen. Es handelt sich also um eine Reaktion gegen die Selbstermächtigung des Einzelnen, denn alle Einzelnen sollen ja in gleicher Weise auf bestimmte Werte verpflichtet werden.2

Warum hat Donald Trump Erfolg?

Donald Trumps Erfolg verdankt sich nicht seinen „militant“ ausgelegten „Setzungen der Subjektivität“, sondern dass er Ängsten um kulturelle Identität und Einfluss durch seine laute Stimme machtvollen Ausdruck verleiht. Trump verleiht diesen Ängsten jedoch nicht nur einen starken Ausdruck, sondern zugleich auch Macht, indem er gerade Personen und Personengruppen, deren Rolle in der Gesellschaft in den letzten Jahren gestärkt wurde, in herabwürdigender Weise angreift, ohne dass dies Konsequenzen für ihn nach sich ziehen würde. Hillary Clinton ist daher nicht nur seine Zielscheibe als Präsidentschaftskandidatin oder als Vertreterin des Establishments, sondern auch als Frau, die stellvertretend für alle Frauen steht. Es handelt sich eben gerade nicht um eine subjektive, individuelle Grenzüberschreitung Trumps, sondern um eine invasive, die es seinen Anhängern nun als möglich erscheinen lässt, sie könnten diese Grenzen nun ebenso überschreiten, ohne dass Konsequenzen zu befürchten wären.

Autoritative Selbstermächtigung – bald auch in den USA?

Insofern handelt es sich hier durchaus auch um eine Selbstermächtigung, allerdings um eine autoritative, wie sie mittlerweile in vielen europäischen Ländern zu beobachten ist. Und dieses sich ermächtigende Autoritäre – das ist das Besorgniserregende – kann bei entsprechenden Mehrheitsverhältnissen in den Verfassungen strukturell und damit nachhaltig verankert werden und kann damit auch funktionierende Demokratien aushöhlen und zur Fassade werden lassen. Damit eine autoritäre Figur an der Spitze strukturell mit mehr Macht und Rechten ausgestattet werden kann, müssen sich die gewählten Vertreter des Volkes jedoch zuerst dauerhaft selbst entmächtigen, also einer Art „freiwilligen Knechtschaft“3 nicht nur für sich, sondern auch folgende Generationen zustimmen. Diese Aufgabe bereits erkämpfter Rechte funktioniert nur im „Opium“ einer emotional aufgeladenen Identitätsideologie, die sich allem Kritischen und später allem Anderen mehr und mehr verschließt.

Donald Trump „beweist“ durch seine für ihn folgenlosen Beleidigungen und Unverschämtheiten zum einen, dass er über eine Art übernatürliche Aura des Gewinnens verfügt,4 und zum anderen, dass er willens und in der Lage ist, die Restauration nationaler Identität auch tatsächlich im Amt umzusetzen. Er erweckt damit Glaubwürdigkeit im Gegensatz zum gescholtenen „Establishment“, dem Wahlversprechen kaum noch geglaubt werden. Auch der US-amerikanischen Demokratie könnten also durchaus autoritäre Umstrukturierungen drohen, wenn die Mehrheitsverhältnisse dies zuließen.

Sind wir mitten im Kulturkampf?

Donald Trump ist also nur Teil einer allgemeinen Restauration des Nationalen und Konservativen nach einer Zeit der Öffnung und der Vielfalt. Wenn es denn einen Kulturkampf gibt, dann zwischen diesen Polen – der inklusiven Vielfalt und der exklusiven Einheit.

Max Stirner

Textausgaben

  • Stirner, Max (1845/2009): Der Einzige und sein Eigentum. Ausführlich kommentierte Studienausgabe hg. von Bernd Kast. Freiburg: Alber.
  • Stirner, Max (1845/2008): Der Einzige und sein Eigentum. Stuttgart: Reclam (=Reclams Universal-Bibliothek; 3057).

Internet

Weitere Literatur

  • Liebert, Wolf-Andreas und Moskopp, Werner (Hrsg.) (2014): Die Selbstermächtigung der Einzigen. Texte zur Aktualität Max Stirners. Münster, Berlin: LIT. (=Existenz und Autonomie; 1).
  • Liebert, Wolf-Andreas (2015): Metaphern der Selbstermächtigung. Max Stirners Philosophie des Einzigen als Bezugsstelle einer diskursiven Bewegung der Spätmoderne. In: Kämper, Heidrun und Warnke, Ingo (Hrsg.): Diskurslinguistik – Interdisziplinär. Zugänge, Gegenstände, Perspektiven. Berlin, Boston: de Gruyter. (=Diskursmuster – Discourse Patterns; 6). S. 121–144.

Websites


  1. Peter Praschl (2016): Ein Held unserer Zeit. Die neue Biografie von Michael D’Antonio zeigt Donald Trump als unaufhaltsamen Aufsteiger, WELT vom 14. Juni 2016: http://www.welt.de/kultur/literarischewelt/article156192240/Wie-Donald-Trump-der-wurde-der-er-ist.html ↩︎
  2. Max Stirner wäre sicher der erste, den Trump zusammen mit Mexikanern und Muslimen „ausweisen“ würde. ↩︎
  3. Etienne de LaBoëtie (1924): Über freiwillige Knechtschaft. Berlin: Malik. (= Malik-Bücherei; 13). Im Projekt Gutenberg verfügbar unter: http://gutenberg.spiegel.de/buch/von-der-freiwilligen-knechtschaft-des-menschen-5225/1 ↩︎
  4. Sogar seine anfangs belächelte Haarpracht hat mittlerweile Fetischcharakter erlangt. ↩︎