Was ist eine kommunikative Praktik? Dies wollen wir auf in der Sektion Sprache und kommunikative Praktiken auf der Jahrestagung 2016 der Kulturwissenschaftlichen Gesellschaft in Vechta klären, anhand von theoretischen Texten, aber auch am Beispiel von Propagandavideos des so genannten Islamischen Staats.

Das Programm dazu sieht wie folgt aus:

Kommunikative Praktik (Theorie)

Freitag, 7.10.2016, 16.15-17.30 Uhr (Q 113)

  1. 16.15-16.30
    Begrüßung und Einleitung durch die KoordinatorInnen (Helga Kotthoff, Wolf-Andreas Liebert und Nicolas Potysch)
  2. 16.30-17.30 Impulsvortrag zum Begriff der kommunikativen Praktik (Stephan Habscheid, Siegen)
  3. Diskussion auf der Grundlage des Vortrags und der gemeinsamen Textgrundlage

Gemeinsame Textgrundlage:

Habscheid, Stephan (2016): Handeln in Praxis. Hinter- und Untergründe situierter sprachlicher Bedeutungskonstitution. In: Deppermann, Arnulf, Feilke, Helmuth und Linke, Angelika (Hrsg.): Sprachliche und kommunikative Praktiken. Berlin, Boston: Gruyter Mouton. S. 127-151.

Propaganda als multimodale kommunikative Praktik: IS-Propaganda und Gegenpropaganda (Datensitzung / gemeinsame Interpretation)

Samstag, 8.10.2016, 13.15-14.45 Uhr (Raum: N 07)

Unsere Datensitzung findet bereits in einem interpretierten Kontext statt, denn auch die Bilder von 9/11 wurden schon unter dem Aspekt von Narrativen des Schreckens, Entsetzens und Terrors diskutiert, die ja immer mehrfach adressiert sind (In- wie auch Out-Groups adressieren). Im Rahmen ihrer konkreten Mikro-Narrative arbeiten diese stets auch an der Wahrnehmung der eigenen Position durch andere und sich selbst. Hier schließt sich der Diskurs um die Ästhetik und die Narrative der IS-Propagandavideos an, die allem Anschein nach eine große Anziehungskraft auf Jugendliche haben. Einzelne deutschsprachige Rapper haben sich dem IS in Syrien angeschlossen und dies auch offen dargestellt. Wahrscheinlich kommen aus dieser Quelle auch die deutschsprachigen IS-Videos, die wir hier teilweise betrachten wollen (N.N., 2015 a,b; als Überblick vgl. Zoomin.TV Deutschland, 2015). Ob und inwieweit diese Videos Elemente der Jugendkultur aufgreifen, wird kontrovers diskutiert (Beuth, 2016, von Ulslar, 2015, dagegen spricht Dietrich, 2015). Von einer meditatisierten Jugendkultur gehen auch staatliche Stellen in den USA und in der EU aus, die den Propagandavideos andere Videos entgegensetzen wollen. So hat die Bundeszentrale für politische Bildung (BpB 2016) eine Initiative mit „YouTubern“ initiiert, um „Gegen-Narrative als Kontrapunkt“ (Schmickler 2016) zu setzen.

In dieser Datensitzung wollen wir einerseits das Tagungsthema aufgreifen und uns zugleich einem komplexen und brisanten Phänomen widmen, das weit über schriftsprachliche Aspekte hinausgeht und kulturelle Diversität, Religion, Moral, Politik, Ideologie auf unterschiedlichen multimodalen Ebenen wie Musik, Bild, Sprache einschließt. Es zwingt uns zugleich, über das Thema Daten und Ethik nachzudenken, nämlich ob alle Daten gesammelt und alle gesammelten Daten auch genutzt und gezeigt werden dürfen, und wenn ja, in welchen Kontexten und in welcher Weise.

Daten

BpB (2016): Begriffswelten Islam. Webvideoformate. Bundeszentrale für politische Bildung. Verfügbar unter: http://www.bpb.de/lernen/digitale-bildung/medienpaedagogik/213243/webvideoformate-begriffswelten-islam, zuletzt gesichtet: 7.9.3016.

N.N. (2015a): New Daesh video in German: „Fisabilillah“, which encourages Daesh supporters all over the world to kill their disbelieving neighbors with guns, kniv [sic!]. Alhayat Media Center: <Der Link wird aus rechtlichen Gründen hier nicht mitgeteilt>, publ. am 11.4.2015, zuletzt gesichtet: 14.4.2016.

N.N. (2015b): ISIL Propaganda Music Video (with German lyrics). Alhayat Media Center: <Der Link wird aus rechtlichen Gründen hier nicht mitgeteilt>, publ. am 19.6.2014, zuletzt gesichtet: 14.4.2016.

Zoomin.TV Deutschland (2015): IS veröffentlicht erstes Propaganda-Video auf Deutsch. Zoomin.TV Deutschland: https://youtu.be/qHp9s-MnlbQ, publ. am 6.8.2015, zuletzt gesichtet: 17.4.2016.

Literatur

Beuth, Patrick (2016): Die WhatsApp-Alternative des IS. In: ZEIT, 15. Januar 2016, Verfügbar unter: http://www.zeit.de/digital/mobil/2016-01/verschluesselung-islamischer-staat-alrawi-app zuletzt gesichtet: 7.9.2016.

Dietrich, Marc (2015): HipHop und Islam: Rap-Dschihadisten? In: ALL GOOD, 19. Februar 2015, Verfügbar unter: http://allgood.de/meinung/kommentare/hiphop-und-islam-rap-dschihadisten/ zuletzt gesichtet: 7.9.2016.

Kühl, Eike (2015a): Lass das mal die Hacker machen. In: ZEIT, 17. November 2015, Verfügbar unter: http://www.zeit.de/digital/internet/2015-11/anonymous-is-kampf-paris-anschlag zuletzt gesichtet: 7.9.2016.

Kühl, Eike (2015b): Im Kampf mit sich selbst. In: ZEIT, 23. November 2015, Verfügbar unter: http://www.zeit.de/digital/internet/2015-11/anonymous-kollektiv-is-terrorismus-bilanz zuletzt gesichtet: 7.9.2016.

Liebert, Wolf-Andreas (2014): Ultimatives Kunstwerk mit Todesfolge. Das 9/11-Blending Karlheinz Stockhausens im Pressegespräch am 16.9.2001. In: Schwarz-Friesel, Monika und Kromminga, Jan-Henning (Hrsg.): Metaphern der Gewalt. Konzeptualisierungen von Terrorismus in den Medien vor und nach 9/11. Tübingen: Narr Francke Attempto.). S. 25-50.

Lorenz, Matthias N. (Hrsg.) (2004): Narrative des Entsetzens. Künstlerische, mediale und intellektuelle Deutungen des 11. September 2001. Würzburg: Königshausen & Neumann 2004.

Schmickler, Barbara (2016): Mit YouTube-Videos gegen den Terror. In: Tagesschau.de, 7.08.2016, Verfügbar unter: http://www.tagesschau.de/ausland/webvideos-gegen-propaganda-101.html zuletzt gesichtet: 8.8.2016.

von Uslar, Moritz (2015): Die Lust am Krass-Sein. Wie viel Pop steckt im Terrorkrieg des „Islamischen Staates“? Ein Erklärungsversuch In: ZEIT, Nr. 5/2015, 29. Januar 2015, online: 12. Februar 2015, Verfügbar unter: http://www.zeit.de/2015/05/islamischer-staat-pop zuletzt gesichtet: 7.9.2016.

Bildquelle: Dank an MonikaP/Pixabay